Das Psycho-Bio-Soziale Menschenbild #sozialarbeitMR (Teil 3)

aus der TL von https://www.instagram.com/communautic/ | ja. auch ein account von @sms2sms ;-)

Vorreden

Anfangs Juli 2018 arbeitete ich vier Tage mit Studierenden der Fachhochschule St. Gallen an der Frage: “Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession. Fragezeichen”. Wir bauten einen langen Tisch auf und stellten eine Timeline dar: “Eine kurze Geschichte unserer Welt”. Am letzten Tag standen zufällig Kärtchen mit der Aufschrift “Adam&Eva” an der untersten und an der obersten Tischkante “Angela Merkel” und “Donald Trump”. — Eine Art #Körpergeschichte (Hedwig Richter). | Alle Tweets mit dem Hashtag #SozialarbeitMR. | Hier gehts zur ersten Vorlesung vom Montag, 2. Juli 2018. Hier geht es zur zweiten Vorlesung vom Donnerstag, 5. Juli 2018 und drei Kurzkommentare zu Reaktionen von Klaus Kusanowski, Heiko Kleve, Dominik Feusi. | Am Wochenende vom 7./8. Juli: Das Wortfeld Mustér/Dissentis und Hinweise zur Planung der Vernissage-Tour: Paul Watzlawick 4.0 | Das “Making of” (Stephan Porombka) für den Workshop findet sich im Blog: dissent.is | Dieser drittel Teil von “Sozialarbeit als Menschenrechtsprofession. Fragezeichen” kommt der Überarbeitung von “die zweite Vorlesung” gleich… und daran arbeite ich seit Tagen…

Der siebte Anfang.

Samstag, 21. Juli 2018

AI first

[Textsorte: Bekenntnis]

Der sechste Anfang.

Donnersag, 19. Juli 2018

Die Liste der einfachen Fragen

[Textsorte: Traum, Blitz]

Der fünften Anfang.

Sonntag, 14. Juli 2018

Die Kopernikanische Konsequenz (Ernst Peter Fischer)

[Textsorte: Traum, Blitz]

Ein vierter Anfang.

Samstag, 14. Juli 2018

Das Psycho-Bio-Soziale Menschenbild #sozialarbeitMR

[Textsorte: Traum, Blitz]

Ein dritter Anfang? Freitag, 13. Juli 2018

[Textsorte: Traum, Blitz] Gestern suchte ich die Bekenntnisse von Augustinus. Im Büro. Zuhause. Es war weg. Ich wusste auch nicht, warum ich es so dringend gebraucht hätte. Aber heute Morgen suchte ich weiter. Und dann war es da. Im Büro. Im Bilderrahmen. Wo ich es erwartet hatte.

HABE KEINE AHNUNG wann ich es das letzte Mal in Händen hatte. Ein Postkarte mit einem Gruss von 1985 datiert liegt drin…

Nach wenigen Minuten des Stöberns ist mir klar: Das Psycho-Bio-Soziale Menschenbild kann direkt in der Tradition von Augustinus verortet werden: Auch da gibt es keinen Körper. Nicht, dass nicht gewusst würde, dass da ein Körper sei. GANZ IM GEGENTEIL. Aber die Suchbewegungen konzentrieren sich auf die Spannung und die Trennung zwischen — wie wir heute sagen wollen — Psycho und Soziales. (So?)

Oder noch anders: Hannah Arendt, Sokrates | Die Tradition der Selbstgespräche. Sokrates hinterliess (noch) keine eigenen Schriften. (“Ich weiss, dass ich nicht weiss.”)

Der Medienwechsel von Sprache auf Schrift

Sokrates (Selbstgespräch) — Platon (Dialog) — Aristoteles (Schrift)

Oder noch anders: Walter Benjamin (N 11,4, Seite 595) “Zur Elementarlehre des historischen Materialismus. 1) Gegenstand der Geschichte ist dasjenige, an dem die Erkenntnis als dessen Rettung vollzogen wird. 2) Geschichte zerfällt in Bilder, nicht in Geschichten. 3) Wo ein dialektischer Prozess sich vollzieht, da haben wir es mit einer Monade zu tun. 4) Die materialistische Geschichtsdarstellung führt eine immanente Kritik am Begriff des Fortschritts mit sich. 5) Der historische Materialismus stützt sein Verfahren auf die Erfahrung, den gesunden Menschenverstanden, die Geistesgegenwart und die Dialektik.

Zur Didaktik von “Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession. Fragezeichen” liesse sich Walter Benjamin zitieren? “Geschichte schreiben heisst, Jahreszahlen ihr Physiognomie geben. (N 11,2)

zum weiteren thread auf twitter von heute morgen

LIVE BLOGGING | bin gerade JETZT am schreiben | re:load für aktuellsten Stand

2. Anfang. Donnerstag, 12. Juli 2018

“The skin of a living organism cuts off an outside from an inside.”

“Die Haut eines lebenden Organismus trennt eine Aussenseite von einer Innenseite.” Der zweite Satz von George Spencer-Brown in “Gesetze der Form” im Kapitel: “Anmerkungen zum mathematischen Zugang”.

Distinction is perfect containment.

Unterscheidung ist ideale Einheit.

Draw a distinction.

Mache eine Unterscheidung. Und ein Universum entsteht.

“Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.”

Genesis (1. Mose 1,1)

“Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.”

Johannes 1,1

“Anfänge und Enden sind Interpunktionen.”

Heinz von Förster

“Du kannst nicht nicht…”

  • unterscheiden
  • beobachten
  • handeln

Paul Watzlawick

“Du kannst nicht nicht…”

  • information selektionieren
  • mitteilung selektionieren
  • verstehen selektionieren

(Niklas Luhmann)

“Du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, oder des, das im Wasser unter der Erde ist.”

Exodus (2. Mose 2, 20 | Luther | #reform500)

“Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, lustig anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. (…) aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen (…)”

Genesis (1. Mose 2 | Luther | #reform500)

Bilderverbot braucht Bilder

Bazon Brock

DIE SOZIALE FRAGE AUF DER HöHE DER ZEIT

Biografische Notizen, als Zweifel an der eigenen Perspektive:

Wenn ich gefragt werde, welches für mich persönlich der prägenste Momente meines Leben war, dann würde ich nicht lange zögern: Das Jahr 1989.

Die Mauer zwischen Ost und West ist weg.

Wenn einer Unterscheidung die andere Seite gelöscht wird, dann hat nicht die eine Seite gewonnen. Ganz anders. “Dann stehen wir plötzlich mit leeren Händen da.” (Dirk Baecker, archiv rebell.tv)

HTML wurde im CERN Genf entwickelt.

Die grosse Unruhe loderte in der universitären Bibliothek. Internet ist Teil von Lösung, nicht Teil von Problem.

Der Staat setzte mich ins Gefängnis.

Bis vor diesem Moment, wusste ich gar nicht, dass es ein Staat gab. Irgendwie. Aber als ich mich nach dem Militärdienst dazu entschied, diesen “Dienst” nicht mehr zu leisten — aus religiös-ethisch-politischen Gründen — setzte mich dieser Staat ins Gefängnis. Ein fairer Prozess. Ein guter Strafverteidiger. Staatskunde vom feinsten. Seit dieser Zeit bin ich Fan von Häfelin/Haller und den viert tragenden Grundwerte des Bundesstaatsrechtes.

Ich wurde Vater.

Im August. Und ich zeigte dem Baby die Bilder aus Berlin am Fernsehen: Ich freute mich riesig auf diese neue, andere, nächste Gesellschaft.

Der Abschluss meines Grundstudiums stand bevor.

Und zum ersten Mal gab es regelmässig, ständig, monatlich viel frisches neues Geld auf meinem Bankkonto. Und wenig später — 1997 — machten wir einen Spin-off in ein eigenes Unternehmen: intervention GmbH, rebell.tv AG, #dfdu AG.

Soziale Arbeit als Arbeit am Sozialen meint auch, dass “gute Soziale Arbeit” daran zu erkennen ist, dass es sie nicht (mehr) braucht. Das ist eine sehr dumme Idee für ein Unternehmen. Aber ein grandioser Gedanke für einen jungen Menschen.

Theorietreiben in unserer Zeit — gleich ob es sich mehr dem szientistischen oder eher dem essayistischen Pol zuneigt — ist ein Übung, sich zu einer Zeitgenossenschaft zu bekennen,

sagte Peter Sloterdijk am 8. November 1999, in einem Vortrag über Niklas Luhmann: “Der Anwalt des Teufels”.

Da denken nicht so meine Stärke ist, bekannte ich mich in meiner “Antrittsvorlesung” 2009 im PEN-Club Liechtenstein zur Fraktion der Essayisten (Zifferblatt 32). Genug der Selbstzweifel. Niklas Luhmann hat die Bedingtheit von (nicht nur seinem) reden & schreiben 1986 so formuliert:

(über die bedingtheit des vermeintlich eigenen reden)

Das Psycho-Bio-Soziale Menschenbild

Das mystische Menschenbild

Form der Himmels (1888)

Es gäbe gute Gründe, sich die Welt weiterhin als eine Scheibe vorzustellen:

Die Sonne geht auf. Die Sonne geht unter. Der Mond kreist um Erde. Der Mensch erlebt sich selbst als ausgesetzt zwischen wilden, starken, unberechenbaren Elementen. Einige lernt er zu bändigen, zu dressieren, zu unterwerfen, zu töten. Aber manchmal schlägt der Blitz zu. Keine Ahnung wann, keine Ahnung warum. Für einiges gibt es Versicherungen. Vieles bleibt prekär. Rituelle Handlungen nützen nicht wirklich, aber sie helfen. Das unerträgliche tragbar zu halten. Zum Beispiel.

Das kartesianische Menschenbild

Die Form der Welt (1738)

Es gäbe gute Gründe, sich die Welt weiterhin als eine riesige Maschine vorzustellen:

Immerhin ist es gelungen, mit diesem Modell kleinste Teile durch Mikroskope zu beobachten und entfernteste Galaxien durch Teleskope in die Nähe zu holen. So genau, so konkret, so praktisch, dass damit gearbeitet werden konnte. Der Mensch legte Hand an. Der Mensch manipulierte mit dieser Idee die Natur, dass schliesslich möglich wurde, dass alles was ist, durch einen kleinen Knopfdruck in einen gänzlich anderen Zustand zu verwandeln.

Das ABC des Grauens ist buchstabiert:
A wie atomare Waffen.
B wie biologische Waffen.
C wie chemische Waffen.

Spitzenwissenschaft vom Feinsten. Was mit Bildchen von mechanischen Entchen einen unternehmungslustigen Impuls bekam, endet ziemlich furchterregend. Ob vor unserer Zeit auch schon irgendwelche Affen so gewaltig Gewalttätiges hinbekommen haben? — Keine Ahnung. Wie auch immer:

Das Bild der mechanischen Ente gefällt mir auch deshalb so gut, weil ganz selbstverständlich die Idee der Unterscheidung von “Theorie : Praxis” zur Darstellung gebracht wird: Jedes Kind wusste damals, dass diese Zeichnung ein Witz ist. Aber dieses Bild hat die Sicht auf die Dinge, auf die Natur, auf die gesamte Welt, verändert.

Es geht nicht darum, zu beschreiben wie es wirklich ist. Es geht darum, ein Bild, einen Gedanken, eine Unterscheidung zu generieren, welche einen praktischen Unterschied macht.

Das psycho-bio-soziale Menschenbild

Form der Sachverhalte (1780)

Es gibt gute Gründe, sich die Welt als ein unendlich grosses Netzwerk von Verbindungen, Beziehungen und Relationen vorzustellen:

Immerhin ist das Geflecht von eigenwilligen Organismen, die tun was sie tun können und sich aufeinander beziehen, wie es die jeweilige Konstellation eben zulässt, eine Alltagserfahrung. Von der Erfahrung im Umgang mit sich selbst, im eigenen Netzwerk, im Beobachten von Gesellschaft und Natur.

Die Idee ist nicht neu. Die Idee ist nicht originell. Stellt sich die Frage, warum gewisse Ideen — scheinbar urplötzlich — eine Kraft entwickeln können, dass diese alle andere Ideen wegputzen kann, als wären sie gleichsam inexistent, unwirklich, unrealistisch, unwahr.

Menschliche Bedürfnisse

Ich will annehmen, dass der Körper des Menschen vor 2000 Jahren nicht wesentlich anders gewesen ist, wie heute. Auf jedenfall:

  • alle paar Sekunden Luft, zum atmen…
  • alle paar Stunden Wasser, zum Essen…
  • einmal pro Tag, ganz lange schlafen. Am besten in der Nacht. Da sehen die Augen eh nix…
  • Wenn du aber schläfst, weiss tu nicht, was um dich herum passiert. Du könntest verregnet werden, und würdest krank. Du könntest bestohlen werden, und müsstest wieder neu anfangen… Wenn dir dabei die Körner vom Weizen, die Schafe und Geissen geklaut werden, dann ist es recht schwer, dieses Problem am nächsten Tag gelöst zu bekommen…
  • Und wenn du nicht alleine rumliegst, dann gibt es da spassige Gefühle. Und aus Spass, wird bekanntlich Ernst. Du weisst schon…

Kurzum: Ich will annehmen, dass die Herausforderung, ein Mensch zu sein und den eigenen Organismus gegen den Tod zu verteidigen, recht ähnlich geblieben seien, auch wenn alles gänzlich anders geworden ist.

Vier #medienlǝsɥɔǝʍ als Abwehr auf illegitimen Zugriff auf Körper?

(…)

1 Sprache

(…)

2 Schrift

(…)

3 Buchdruck

(…)

4 Computer

(…)

Soziale Arbeit als Arbeit am Sozialen

Soziale Arbeit ist aus der Bearbeitung des Kollateralschadens durch das Kartesianische Menschenbild entstanden.

(…)

Die zwei Enden der Geschichte

Die Konsequenz aus dem Kartesianischen Menschenbild ist — überraschungsfrei — dass sich zwei Seiten herausbilden konnten: Die zwei Seiten wurden 200 Jahre lang mit “Links” und “Rechts” bezeichnet:

Die zwei Seiten des Kartesianischen Menschenbildes

1 Rechts: Das egozentrische Menschenbild

“Marktwirtschaft ist Individualismus aus Gründen kollektiver Vorteile.”

Es kollabierte 2008 in der Finanzkrise.

2 Links: Das soziozentrische Menschenbild

“Sozialismus ist Solidarität aus Gründen des eigenen Vorteils.”

Es kollabierte 1989 in der deutschen Revolution, genau 200 Jahre nach der französischen Revolution.

Konservativ — Fortschrittlich

Bleibt noch jene andere Achse, welche auf beiden Seiten zeigbar sind und nicht zeitspezifisch sind. Wie immer: Jene, welche clever sind und Spass am Neuen, Unbekannt, noch nicht erprobten haben. Kinder, zum Beispiel. Und jene, welche clevererweise nicht loslassen, bevor sie nicht genau wissen, was sie dafür in die Hand bekommen.

(…)

(…)

(…)

(…)

(…)

(…)

(…)

(…)

(…)

(so geht es nicht. ich lasse hier unten alles stehen und fange oben noch einmal ganz neu an | 12. juli 2018 10.00h | sozial platte formen zu missbrauchen: ich finde das ist nötig. ich schreibe einfach extrem gerne in medium. es sieht dann zwar alles so “fertig” aus und genau das mag ich: “missbrauche, was dich missbraucht.” | die letzten verbote sind noch nicht ausgesprochen | du hast keine chance. nutze sie ;-)

  1. Anfang. Montag, 9. Juli 2018

Vorreden

Anfangs Juli 2018 arbeitete ich vier Tage mit Studierenden der Fachhochschule St. Gallen an der Frage: “Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession. Fragezeichen”. Wir bauten einen langen Tisch auf und stellten eine Timeline dar: “Eine kurze Geschichte unserer Welt”. Am Ende der Tage standen Kärtchen mit der Aufschrift “Adam&Eva” an der untersten und an der obersten Tischkante “Angela Merkel” und “Donald Trump”. — Eine Art #Körpergeschichte (Hedwig Richter).

Alle Tweets mit dem Hashtag #SozialarbeitMR. | Hier gehts zur ersten Vorlesung vom Montag, 2. Juli 2018. Hier geht es zur zweiten Vorlesung vom Donnerstag, 5. Juli 2018 und drei Kurzkommentare zu Reaktionen von Klaus Kusanowski, Heiko Kleve, Dominik Feusi. | Am Wochenende vom 7./8. Juli: Das Wortfeld Mustér/Dissentis und Hinweise zur Planung der Vernissage-Tour: Paul Watzlawick 4.0 | Das “Making of” (Stephan Porombka) für den Workshop findet sich im Blog: dissent.is

Und der Höhepunkt der vier Tage war (nicht nur für mich) dass der Hauptreferent einer im Haus parallel stattfindenden Fachtagung zu #OpenData auf Tweets reagierte und kurz vor seinem Referat an unsere Zimmertür klopfte, an unserer Timeline auf und ab ging und erklärte, wofür er sich mit Open Knowledge einsetzt:

“we’re playing by old rules in a new world. It’s time to change that” Rufus Pollock

Das Psycho-Bio-Soziale Menschenbild

[Textsorte: Traum, Blitz] Vorsorglich und fürsorglich setzte Niklas Luhmann vor einen Vortrag im Frühjahr 1986 ein Setzung:

#Kommunikation ist nicht ohne #Leben und #Bewusstsein möglich.

Aber für die Verwendung des Begriffs #Kommunikation, soll hier jede Bezugnahme auf #Bewusstsein und #Leben streng vermieden werden.

Luhmann Niklas, Was ist Kommunikation?, in: Lebende Systeme. Fritz B. Simon, Suhrkamp 1997 (PDF, Ausgabe 1988 | Text als Podcast)

Ich dachte noch letzte Woche, Luhmann hätte diesen Text ein Jahr vor seinem Tod geschrieben. Ich war beeindruckt, wie er sich bis an sein Lebensende “von Frankfurt” abzusetzen versuchte und wie poetisch und wundervoll leicht der Text zu lesen ist. Heute Montag, 9. Juli 2018, merke ich erst, dass er den Vortrag im Frühling 1986 in Heidelberg hielt. An einer Tagung der Internationalen Gesellschaft für Systemische Therapie, welche 1983 von Fritz B. Simon gegründet wurde und heute auch als “Heidelberger Schule” bekannt ist. (Ich bin ein bisschen ent-täuscht. Aber der Text bleibt mir, was er war: inspirierend.)

Schluss der Vorreden.

Cogito ergo sum

Ich denke. Päng! — Da bin ich.

Quelle? Weh!Weh!Weh! (1738)

Was? Wann lebte René Descartes? Von 1596 bis 1650? Echt jetzt?

Und wann baute Jacques de Vaucanson den ersten, vollautomatischen, mit Lochkarten gesteuerten Webstuhl und zeichnete mechanische Gänse und so? 1745? Echt jetzt?

Das mechanistische Menschenbild war — so weit ich wissen muss — das wirkungsmächtigste Modell, sich die Welt vorzustellen. Immerhin: Der Höhepunkt der Entwicklung — so will auch ich vorschlagen — war der Doppelschlag vom 6. und 9. August 1945: Zwei Bomben.

Das ABC des Grauens ist buchstabiert:

A wie atomare Waffen.
B wie biologische Waffen.
C wie chemische Waffen.
Spitzenwissenschaft vom Feinsten. Was mit Bildchen von mechanischen Enten einen unternehmungslustigen Anfang nahm, endet ziemlich furchterregend. Ob vor unserer Zeit auch schon irgendwelche Affen so gewaltig Gewalttätiges hinbekommen haben? — Keine Ahnung. Wie auch immer:

Das Bild der mechanischen Ente gefällt mir auch deshalb so gut, weil ganz selbstverständlich die Idee der Unterscheidung von “Theorie : Praxis” zur Darstellung gebracht wird: Jedes Kind wusste damals, dass diese Zeichnung ein Witz ist. Aber dieses Bild hat die Sicht auf die Dinge, auf die Natur, auf die gesamte Welt, verändert.

Das ist der Clou von Theorie:

Viel früher schon, hatte Kopernikus gegen Ptolemäus gewonnen. Noch heute ist es zwar so, dass wir jeden Tag mit eigenen Augen sehen können, dass der alte Ptolemäus recht hatte: Nicht nur der Mond, auch alle Planeten und insbesondere die Sonne — kreist um die Erde. Die Sonne geht auf. Die Sonne geht unter. So sagen wir bis heute. Und sind ganz sicher, dass es nicht stimmt.

Tamensi movetur!

“Und sie dreht sich doch,” sagte Kopernikus gegen die mächtigsten seiner Zeit. Und heute — Mitten in der 4. Industriellen Revolution — drehen wir aus dieser “Kopernikanischen Konsequenz” (Ernst Peter Fischer) seine Idee ganz konsequent ein Stück weiter:

So wie ich — und Du auch! — es sehen, so ist es. Nicht

Das ist für uns kein Problem. Das macht uns keine Angst. Wir kichern wie die Kinder vor 500 Jahren, wie ihnen jene mechanische Gans gezeigt wurde. Das war für sie kein Problem. Es machte ihnen keine Angst. Ganz im Gegenteil. Es beflügelte sie!

Auch uns interessiert nicht, wie es wirklich ist.

Nicht, weil es nicht interessant wäre, zu wissen, wie es wirklich ist. Ganz im Gegenteil. Warum aber ein unlösbares Problem lösen, wenn eine andere Lösung jenes Problem löst, was uns unerträglich, grauenvoll, von Scham und Ekel verklebt, gänzlich überdrüssig geworden ist?— Eben. Also:

Trennen, Teilen, Häufchen bilden

Schon der liebe Gott machte es so: Er warf die Erde ins Weltall und unterschied den Himmel von der Erde. Und das Wasser vom Land. Und den Tag von der Nacht. Und den Mann von der Frau. Und immer so weiter.

Das machen die Professoren an der Universität bis heute so. Das machen auch die Müllmänner so. Und wer nicht differenziert ist, ist diskreditiert.

So weit die Theorie. Das war die Idee. Gilt diese noch? — Nein.

END OF CREDIBILITY

Die Spielregeln haben sich geändert. Die Prominentesten der Intellektuellsten getrauen sich das sogar in ihre Blogs zu schreiben: Zum Beispiel Claude Longchamp: Es geht um Emotionalisierung. Zum Beispiel Philipp Sarasin: Er droht mit bevorstehendem Pogrom — Daniel Binswanger redet schon von Euthanasie. Emotionalisiert kämpfen sie um die Rettung des Rationalen, der Demokratie. Die Besten der Besten schweigen. Die Welt geht unter. Ihre Welt geht unter. Sie kämpfen um Businesspläne. Sie kämpfen um ihre Lehrstühle. Aber sie sind leicht in der ähnlichen Rolle zu zeigen, wie die gewaltig Mächtigen vor 500 Jahren. Sie werden überschwemmt von Informationen. Wie ihre Altvorderen. Noch erkennen sie ihre Verleumder in dummen Menschen. Aber die Krise ist viel grösser. Und vor allem gänzlich anders:

Mit allem Rechnen

Das Menschenbild, wovon wir uns angeekelt abwenden, ist ein Dualistisches. Eines das trennt und teilt und Häufchen bildet. Ein mechanisches, mechanistische, linear-kausales Menschenbild, was mit allem rechnen will. Und folglich auch die Körper der Menschen mit allem rechnen müssen. Selbst Soziale Arbeit hat sich involvieren lassen in diese Konsequenz:

  • Definieren
  • Diagnostizieren
  • Aussondern
  • Ausmerzen

Die Welt als eine Maschine

Dass das von Menschen gemachte Bild der Welt als eine Maschine, auf den Menschen selbst zurückschlagen könnte, das wurde wohl schon mit den ersten Versuchen dieser Idee so angemahnt.

(…)

Ohne Massenmedien, kein Individuum

Dabei soll nicht vergessen gehen, dass dieses Menschenbild viele Annehmlichkeiten mit sich brachte. Und nicht zuletzt sogar das Individuum.

(…)

  • Autoriät durch Autorenschaft.
  • Anonymes Publizieren.
  • Favorisierung des Argumentes vor dem Körper des Aussagenurhebers.

Die zwei Enden der Geschichte

Aber hier und heute soll Das Ende der Geschichte zu Ende erzählt werden:

Die Konsequenz aus dem Dualistischen Menschenbild ist — überraschungsfrei — dass sich zwei Seiten herausbilden konnten: Die zwei Seiten wurden 200 Jahre lang mit “Links” und “Rechts” bezeichnet:

Die zwei Seiten des Kartesianischen Menschenbildes

1 Rechts: Das egozentrische Menschenbild

“Marktwirtschaft ist Individualismus aus Gründen kollektiver Vorteile.”

Es kollabierte 2008 in der Finanzkrise.

2 Links: Das soziozentrische Menschenbild

“Sozialismus ist Solidarität aus Gründen des eigenen Vorteils.”

Es kollabierte 1989 in der deutschen Revolution, genau 200 Jahre nach der französischen Revolution.

Konservativ — Fortschrittlich

Bleibt noch jene andere Achse, welche auf beiden Seiten zeigbar sind und nicht zeitspezifisch sind. Wie immer: Jene, welche Spass am Neuen haben. Kinder, zum Beispiel. Und jene, welche clevererweise nicht loslassen, bevor sie nicht genau wissen, was sie dafür in die Hand bekommen.

Internet als Teil von Lösung

Ebenfalls 1989 wurde bekannt, dass Tim Berners-Lee am CERN in Genf eine neue Sprache entwickelt haben soll. “Die Elektrizität ist in die menschliche Kommunikation eingeschlagen wie der Blitz.” Jetzt aber ermöglichte diese neue Sprache, dass Menschen ihre auf Computern gespeicherten Informationen mit Informationen verbinden konnten, welche auf anderen Computern — von Computern und Menschen gespeichert worden sind — verbinden konnten.

Ihr wollt mit allem rechnen? — überredet:

Es geht. Idealer Unterscheiden als in 0 und 1 geht es nicht. Die uralte Idee wurde so konsequent umgesetzt, dass etwas Neues möglich wurde:

Diese Idee ging ab wie ein Zäpfchen.

Offensichtlich haben Millionen und Abermillionen von Menschen intuitiv verstanden, was die Chance dieser Idee war. Und über alle Kulturgrenzen hinaus, sind kleine Gerätchen möglich geworden, welche Menschen — zweijährige Kleinstkinder — ohne jede Vorbildung, noch ohne ausgebildete Sprachkompetenz, mit ihrem dicken Daumen, mit ihren spitzen Fingerchen, zu bedienen wussten.

Zwischen 2001 und 2007 baute sich eine Enzyklopädie auf, in welcher Menschen eingearbeitet haben, was sie wussten. Ab 2015 wurde eine Ergänzung gebaut, welche den Computern erlaubte diese Informationsdatenbank zu lesen und offensiv weitere Informationen einzuspeisen. Eine dramatische Revolution, welche die Anhänger des alten Menschenbildes in dramatische Nöte, in wilde Aggressionen, in wüste Rundumschläge jagte. (Wir nannten es #AIBS.)

Das Psycho-Bio-Soziale Menschenbild

Seit vielen Jahrzehnten hat sich ein nächstes Menschenbild entwickelt, welches auf die problematische Seite des Kartesianischen Menschenbildes reagierte. Es hat viele Namen. Es hat viele Ausprägungen. Es hat viele Methoden. Es hat sich im Schatten der Ingenieurskunst entwickelt und gewinnt durch “Die Vierte Industrielle Revolution” an Plausibilität.

Soziale Arbeit wurde von Frauen — nicht selten von Frauen von Industriellen, erfolgreichen Ingenieuren, Töchter reicher Familien — professionalisiert.

(…)

Das Kartesianische Menschenbild konnte mit Kompliziertheit gut umgehen, war sehr erfolgreich und konnte allen anderen Modellen den “Technologiedefizit”-Vorwurf (Hiltrud von Spiegel) machen.

Das Psycho-Bio-Soziale Menschenbild geht von Komplexität aus und macht jedem linear-kausal-operierenden Modell einen “Komplexitätsdefizit”-Vorwurf.

Beziehung. Relation. Konstellatorik.

Das Psycho-Bio-Soziale Menschenbild erlaubt keinerlei Beobachtung, welche sich nicht selbst als beobachtet zu erkennen gibt. Es erlaubt keinerlei statische Aussagen. Jede Unterscheidung ist als Interpunktion durch eine andere Interpunktion nicht nur möglich zu unterlaufen, sondern sieht sich selbst als tatsächlich, gleichzeitig, spätestens im Vollzug der Unterscheidung, als optional:

Wir nennen es#Kontingenz.

(…)

(…)

(…)

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(…)

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Links in den Tagen dazwischen:

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WORK IN PROGRESS

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Stefan M. Seydel/sms ;-)

(*1965), M.A., Studium der Sozialen Arbeit in St. Gallen und Berlin. Unternehmer, Autor, Künstler.

Ausstellungen und Performances in der Royal Academy of Arts in London (Frieze/Swiss Cultural Fund UK), im Deutsches Historisches Museum Berlin (Kuration Bazon Brock), in der Crypta Cabaret Voltaire Zürich (Kuration Philipp Meier) uam. Gewinner Migros Jubilée Award, Kategorie Wissensvermittlung. Diverse Ehrungen mit rocketboom.com durch Webby Award (2006–2009). Jury-Mitglied “Next Idea” Prix Ars Electronica 2010. Bis 2010 Macher von rebell.tv. Co-Autor von “Die Form der Unruhe“, Umgang mit Information auf der Höhe der Zeit, Band 1 und 2, Junius Verlag Hamburg. Mitglied im P.E.N.-Club Liechtenstein. Er war drei Jahre Mitglied der Schulleitung Gymnasium Kloster Disentis. Seit Sommer 2014 lebt und arbeitet er in Zürich: #dfdu.org AG, Konstellatorische Kommunikation. (Entwicklung von Pilot und Impulsprojekten, gegründet 1997 mit Tina Piazzi)

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