WikiDienstag.ch ist das nächste ((( rebell.tv )))
Schon vor 500 Jahren wurde in Zürich-Hottingen an kollaborativen Schreibsystemen gearbeitet. Der Sozialarbeiter Stefan M. Seydel — durch das amerikanische rocketboom.com in der Vloggerszene durch Amanda Congdon als “SMS wink” bekannt geworden — stellt seine Tätigkeit in die Tradition der “Zürcher Semantik des Rebellisches”. Der aktuelle #ZwingliFilm eröffnet einen niederschwelligen Zugang zu dieser Denktradition.
Eine Begegnung, verdichtet von Etienne de Carouge. Stand 28.01.19
(10:34h -LIVE-BLOGGING-re:load für aktuellste Version.)
#WikiD ist das neue ((( rebell.tv )))
edc: Es ist Sonntag. Sind Sie nicht in der Kirche?
sms: Nein. Heute gehe ich ins Museum. Nach Dornbirn und Bregenz. Zudem: Ich gehe ungläubig in die Kirche und gläubig in die Universität. Das ist mein Problem.
Auf Snapchat zeigen sie oft ihren Gang zur Kirche…
Das Gesamtkunstwerk der Kirche, hat mich mein Leben begleitet, aber im Kloster Mustér/Dissentis habe ich es lieben gelernt. Die Zeit in der Schulleitung des Gymnasiums der Klosterschule, waren für mich drei sehr glückliche Jahre. Oder mindestens: Ein Lebensglück. In Zürich arbeite ich an der Asylstrasse. Das passt. Und wohne in der Freie Strasse, wie damals im Oberthurgau. Das ist stimmig… (sinniert) …und in Berlin lebten wir an der Barstrasse. Dieses wikidienstag.ch bringt mich in Partystimmung. Alles OK. Oder wie mein Vater es mich lehrte: Es geht doch nicht darum, das Schicksal zu wählen. Es geht darum, einen Umgang damit zu erfinden.
“Es geht nicht darum, das Schicksal zu wählen. Es geht darum, einen Umgang damit zu finden.”
(Gerhard Paul Seydel)
Sie zeigen ihren Kirchgang auf Snapchat, weil Sie Fernweh haben?
Ich habe nichts zu zeigen. Ich habe auch ganz offensichtlich nichts zu sagen. Sonst würde ich anders arbeiten, ja?
Ihr Twitter-Account hat gegen 200'000 Tweets und gegen 50'000 Bilder und Sie sagen, sie hätten nichts zu sagen, nichts zu zeigen?
Das ist ein Zitat.
Was?
“Nichts zu sagen, nichts zu zeigen.” Walter Benjamin.
Aha.
(Pause)
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Die Kultursendung Kontext im Schweizer Radio SRF2, nannte Sie diese Woche einen “Medienkunstphilosoph”...
Und in einer englischsprachigen Soziologischen Zeitschrift wurde ich diese Woche als Multimediakünstler bezeichnet…
Sie sammeln solche Titel?
“Bloggerdinosaurier” wurde ich vor 20 Jahren? “Kultblogger” vor 10 Jahren? (lacht.) Nein. Ich beobachte die Beobachtung der professionellen, informationellen Gatekeeper und was ich dabei beobachte.
Und was beobachten Sie dabei?
Ja. Eben. Das ist das Problem.
Was?
Der Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung? — Das wäre zu banal.
Was wäre weniger banal?
Die Art und Weise, wie ein Referenzrahmen entsteht, auf welchen referenziert werden kann, ohne sich dabei anrüchig zu machen?
Sie fragen sich, warum es so schwierig ist, Sie als Sozialarbeiter zu bezeichnen und statt dessen “Irgendwas mit Kunst” gesagt werden muss?
Naja. Ich habe ja selbst auch eine Vorstellung davon, ob ein Gefühl, eine Beobachtung, ein Sachverhalt so ausgedrückt wird, dass es andere verstehen könnten. Obwohl es ja gänzlich unklar ist, wer — oder was! — jenes Andere ist oder sein könnte… Ja?
Ist Wikipedia zu einem solchen Referenzrahmen geworden?
Das wäre eine interessante These. Und ein Beweis. Eine solche Aussage dürfte in meinem für Wahr nehmen im Januar 2019 noch nicht gemacht werden. Zudem würde Wikipedia dann — wie es mir sehr gefallen würde! — als eine Fiktion verständen werden müssen...
Warum?
Weil es “Wikipedia” ja so gar nicht gibt…
Weil es sich ständig verändert? Oder mindestens verändern könnte?
Weil Wikipedia die uralte Forderung, vom prinzipiellen Nicht-Wissen auszugehen, sehr elegant umgesetzt hat. Ja.
Ich kann ja aber doch etwas “nachschlagen” in der Wikipedia.
Klar. Aber Sie können dabei nicht vergessen, dass es sehr, sehr, sehr “unsicheres” Wissen ist, im Vergleich zur Imagination eines “Brockhaus”, in welchem Gefühl noch immer dominant gedacht zu werden scheint. Und sie könnten nicht vergessen, dass das, was Wikipedia Ihnen zur Darstellung bringt, nicht nur ganz anders hätte darstellen können, sondern, dass es auch ganz anders dargestellt ist. Ist! Zeitgleich. Parallel. Jetzt! — Bloss ein Klick weiter — und alles eben gerade gezeigte, wird anders gezeigt. Nicht nur irgendwo im Internetz, sondern eben auch — etwa über die grandiose Versionsgeschichte — auch innerhalb von Wikipedia selbst.
Aha.
Das ist freilich längst der Zustand, in welcher die universitäre Bibliothek erkannt ist: In der universitären Bibliothek lodert ja die dramatische Unruhe der Neuzeit, der Aufklärung, der Moderne. Nicht im Internet. Ganz im Gegenteil. Wikipedia beruhigt diese Unruhe. Wikipedia ist eine Form, welche informationelle Unruhe zu beruhigen vermag.
Wie macht Wikipedia das?
Massenmedien haben Multiperspektive qua Technik verhindert. Und gerade dadurch Multiperspektive erzwungen. Das unterstützte diesen dramatischen Ausdifferenzierungsprozess bis zum Horror der Spaltung der Atome, der Auflösung von sozialen Strukturen bis zur Isolierung der Menschen in individuelle Ich AG’s… Das Internetz erzwingt die Verbindung, qua Technik…
War das die Antwort?
Ja.
Aha.
(Pause)
/end2
Sie haben sich immer wieder intensiv mit Journalismus auseinandergesetzt.
Ich bin Sozialarbeiter…
Sie arbeiten am Sozialen. Ich weiss. Ich weiss zwar nicht, was das Soziale ist, aber: Was hat das jetzt mit Ihrem Interesse an Journalismus zu tun?
Ohne Massenmedien kein Individuum.
Das könnte die Lehre aus dem aktuellen #ZwingliFilm sein?
Absolut. Das erklärt Ihnen freilich kein Politiker, kein Professor und damit auch nicht ihre Vermittler, die Journalisten. Aber das beweist ja bloss diesen dramatischen Zerfall von Neuzeit, Aufklärung, Moderne: Die Siegerinsitutionen sind längst — schon seit mindestens 100 Jahren — zum Problem selbst geworden…
Es waren die Täufer, welche das Individuum, den einzelnen Körper, “die unantastbare Würde des Menschen” entdeckt haben?
Sie stehen mindestens für die radikal-liberale Position innerhalb einer jetzt zu erzählen möglich gewordenen #Körpergeschichte. Sie können ja erst sachlich, distanziert, “objektiv” beschreiben, wenn sie aus dem zu Beschreibenden selbst herausgefallen sind. Hedwig Richter sitzt an dieser Arbeit. — Jedenfalls: Der #ZwingliFilm stellt diese dramatische Provokation sensationell dar: Erwachsene Menschen taufen sich gegenseitig. Der Höhepunkt der Aufklärung, 300 Jahre, bevor es Aufklärung gab. (Lacht.)
Aber danach kam zuerst die Gegenaufklärung…
Ja. Das Gegenmodell, gegen welche sich die Frühaufklärer gewehrt haben, musste ja erst noch ausformuliert werden. Es konnte zwar bereits in der Zerfallsform erlitten werden. Aber die Grundideen waren noch gar nicht positiv ausformuliert. Auch das könnte somit als eine Leistung den Täufer unterstellt werden. (Lacht.) Der kunstfaszinierte Barock entfaltete die Idee einer grandiosen “Sozialen Plastik” bis ins letzte Schnörkel. Peter Hersche hat dies aus der Perspektive der Geschichtswissenschaften nacherzählt. Die katholische Klostertradition hatte einen gänzlich andere Idee etabliert, mit den Menschen — den Körpern der Menschen — umzugehen.
Die Regula Benedicti?
Ja. Ja… dass ein Bündner Krüppel — Andreas Castelberger — in Zürich radikal-liberale Rebellion über seine Buchhändlerei anzettelte und dass die Castelbergers eng mit dem Kloster Disentis verbunden sind: Ein Strang, welchen ich noch am verfolgen bin…
Ihre Fantasie…
Dagegen wehrten sich die Täufer…
Gegen die Fantasie?
Nein. Sie unterbrechen mich zu oft…
Sie reden zu viel.
Ja. Woher soll ich wissen, was ich denke, wenn ich nicht gehört habe, wie es tönt…
“Es geht um den Klang”. Archiv rebell.tv. Christoph Schlingensief
Nein. Seine Mutti…
Ja. Stimmt. (Lacht)
Wo waren wir?
Massenmedien war also das Mittel der Täufer…?
Ah! Ja! Massenmedien sind bis heute — von Enzensberger bis Luhmann — dadurch definiert, dass sie kein Feedback zu lassen. Qua Technik. Und weil Massenmedien keine Multiperspektive ermöglichen, haben sie gerade dadurch Multiperspektive erzeungen. Das war der Clou und das ganze Erfolgsgeheimnis! Der Workflow — der Umgang mit Information auf der Höhe der Zeit — wurde damit durch das definiert, was wir bist heute inflationär “Kritik” nennen: Sie müssen auf ein Buch mit einem Buch reagieren. Sie müssen auf Argumente mit Argumenten reagieren. Sie mussten Gedanken von Körpern gelöst haben. Darum geht es auch heute wiederum, wobei jene befreiende Idee, beteits 100 Jahre über ihren Zenit gefallen ist…
Echt?
Ja.
Aha.
(Pause)
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Jetzt arbeiten Sie mit #WikiDienstag an einem Live-Setting…
Nein. Wie kommen Sie drauf?
…in welchen sich Menschen persönlich begegnen können…
Nein. Wie kommen Sie drauf?
…und gemeinsam an gemeinsamen Projekten arbeiten.
Nein. Wie kommen Sie drauf?
Ich war auf der Homepage von WikiDienstag.ch.
Von all dem steht dort aber nichts. Ganz im Gegenteil.
Sie machen jeden Dienstag von 8 bis 12 Uhr einen Sprint.
Ja. Eben. — Unter einem Sprint verstehen wir gewöhnlich, dass es sich um ein einigermassen spontanes Köpfe-Zusammen-Strecken geht. Alle zeigen einander, wo Sie grad sind. Holen und geben sich Feedbacks. Die Anwesendenden interpretieren sich viel mehr als teilgebend, denn teilnehmend. Es handelt sich um ein zelebrieren von “Commitment without binding”…
Das ist auch etwas, was Sie mit Wikipedia gelernt haben?
Zum Beispiel. Ja. — Wenn Sie mögen, eröffnen Sie einen neuen Eintrag. Oder Sie korrigieren bloss ein falsch gesetztes Komma. Sie bekommen kein Lob, bloss weil Sie jahrelang einen Eintrag — wir nennen es “Lemma” — betreuen. Und immer so weiter. Das Commitment bezieht sich darauf, dass wenn Sie da sind, Sie sich selbst als Teilgebend verstehen. Sie erleben die unantastbare Würde des Menschen, in dem Sie würdigen.
Und wenn Sie nicht da sind?
Dann machen sie offensichtlich irgendwas anderes.
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WORK IN PROGRESS — LIVE-BLOGGING
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/end | LINKS während dem schreiben gesammelt
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Stefan m. Seydel/sms ;-)
(*1965), M.A., Studium der Sozialen Arbeit in St. Gallen und Berlin. Unternehmer, Autor, Künstler.
Ausstellungen und Performances in der Royal Academy of Arts in London (Frieze/Swiss Cultural Fund UK), im Deutsches Historisches Museum Berlin (Kuration Bazon Brock), in der Crypta Cabaret Voltaire Zürich (Kuration Philipp Meier) uam. Gewinner Migros Jubilée Award, Kategorie Wissensvermittlung. Diverse Ehrungen mit rocketboom.com durch Webby Award (2006–2009). Jury-Mitglied “Next Idea” Prix Ars Electronica 2010. Bis 2010 Macher von rebell.tv. Co-Autor von “Die Form der Unruhe“, Umgang mit Information auf der Höhe der Zeit, Band 1 und 2, Junius Verlag Hamburg. Mitglied im P.E.N.-Club Liechtenstein. Er war drei Jahre Mitglied der Schulleitung Gymnasium Kloster Disentis. Seit Sommer 2014 lebt und arbeitet er in Zürich: #dfdu.org AG, Konstellatorische Kommunikation. (Entwicklung von Pilot und Impulsprojekten, gegründet 1997 mit Tina Piazzi)